Eine zahnmedizinische Famulatur bietet die einzigartige Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln, interkulturelle Kompetenzen zu erweitern und die zahnmedizinische Versorgung unter verschiedenen Bedingungen kennenzulernen. In diesem Beitrag berichten wir über unsere Erfahrungen in Bolivien, die organisatorischen Herausforderungen sowie die praktischen Einblicke, die wir während unseres Einsatzes gewinnen konnten.
Wie begann unsere Planung?
Während des letzten Jahres unseres Studiums an der Universität haben wir – Leonore, Tobi und Jonas – uns überlegt, nach dem Examen einen Auslandseinsatz in Südamerika zu absolvieren. Im Rahmen unserer Recherchen sind wir auf Dr. Annette Schoof-Hosemann und die Organisation „Dentists & Friends“ gestoßen, die seit vielen Jahren regelmäßige Einsätze an verschiedenen Standorten in Bolivien durchführen. Durch gemeinsame Freunde ist Janine, die bereits seit einigen Jahren als Zahnärztin arbeitet, zu unserer Planung dazugekommen und hat so unser Team vervollständigt. Von organisatorischer Seite wurde die Reisegruppe von Annette begleitet und kompleZert. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Abreise vergingen etwa 10 Monate, wobei die Kommunikation unkompliziert über Videokonferenzen und E-Mails erfolgte.
Welche Herausforderungen gab es vor der Abreise?
Die Vorbereitungen in Deutschland waren grundsätzlich überschaubar. Ein Visum war für den Zeitraum nicht nötig, und bei den Flugbuchungen unterstützten uns Annette und der Verein. Wir mussten vorab kaum Materialspenden organisieren, da es ein ausreichendes Depot von Dentists & Friends gab und viele Materialien direkt in Bolivien gekauft werden können. Aus unserer Sicht wären zusätzliche Wischdesinfektionstücher sehr hilfreich gewesen, diese gab es leider vor Ort nicht zu kaufen. Auch Spenden in Form von Handschuhen wären eine gute Ergänzung.
Wie wurden wir untergebracht und wo wurde gearbeitet?
Generell wurde von der Hostelling-Organisation eine Grundpauschale von 158 Euro pro Woche pro Person veranschlagt, die vorab gezahlt werden musste. Darüber wurden während der Arbeitsphase die Unterbringung, teilweise die Mahlzeiten, Autofahrten in Santa Cruz und einige Busfahrten abgedeckt. Durch eigenständige Buchungen (z. B. über Airbnb) könnten die Gesamtkosten potenziell reduziert werden, da die Lebenserhaltungskosten vor Ort vergleichsweise gering sind.
Der erste Einsatzort war Santa Cruz de la Sierra. Dort wurden wir zunächst für eine Woche in einem zentral gelegenen Hotel und anschließend eine Woche im Voluntariatshaus der Hostelling-Organisation von Max Steiner untergebracht. Gerade die zweite Unterkunft war eine willkommene Abwechslung, da wir dort selbst kochen und uns in dem großen Haus mit Dachterrasse gut ausbreiten konnten.
Von den Unterkünften wurden wir täglich mit dem Auto zur Plataforma gefahren, bei der es einen kleinen zahnärztlichen Behandlungsraum mit einem Stuhl gibt. Im Raum befinden sich eine (sehr sinnvolle) Klimaanlage, ein Steri und eine mobile Absaugung. Die Motoren der Einheit funktionierten grundsätzlich gut. Es gab zwischenzeitliche Probleme mit der Turbine, die jedoch größtenteils schnell gelöst bzw. repariert werden konnten.
Die Patienten wurden von Annette und einer bolivianischen Hilfskraft aufgenommen und nach und nach von uns behandelt. Wir haben uns dabei immer in Zweierteams abgewechselt.
Nach den ersten zwei Wochen sind wir über Sucre und La Paz zur Sonneninsel im Titicacasee auf 3830 m ü. M. gereist. Dort waren wir in Challa in einem kleinen Hostel direkt am Strand bei Nelson und seiner Familie, die uns über zwei Wochen beherbergten, untergebracht. Hier gibt es keine Möglichkeit selbst zu kochen oder normal einzukaufen. Um etwas mehr als die abends gekochte Suppe zu essen, haben wir uns teils mit Haferflocken und Co. versorgt, die man in den Nachbardörfern Challapampa und Yumani kaufen konnte. Auch in Challa gibt es zwei kleine Kioske, bei denen man Wasser und Kleinigkeiten bekommt. Richtige Lebensmittel waren dort also schwer zu erwerben, jedoch haben Nelson und seine Familie Frühstück, Mittagessen und Abendessen gekocht und man ist daher trotzdem sehr gut versorgt gewesen.
Gearbeitet wurde in einem Haus mit zahnärztlicher Einheit, rund 70 Höhenmeter und 900 Meter von der Unterkunft entfernt. Den Weg sind wir täglich viermal gelaufen, da es mittags im Hostel das Mittagessen gab. Auch hier funktionierten der Stuhl, die Absaugung und der Steri den Umständen entsprechend einwandfrei.
Wie liefen die Arbeitstage ab?
In Santa Cruz begann der Arbeitstag gegen 9 Uhr mit einer etwa 30-minütigen Anfahrt zur Plataforma. Nach einer Mittagspause arbeiteten wir bis etwa 16 Uhr. Auf der Isla del Sol war das Patientenaufkommen morgens zunächst gering. Daher arbeiteten wir vormittags einige Stunden, pausierten zum Mittagessen und setzten die Behandlungen am NachmiQag fort. Zu Beginn kamen nur wenige Patienten. Erst nachdem wir aktiv in den umliegenden Dörfern auf unser Angebot aufmerksam gemacht hatten, stieg die Patientenzahl deutlich – vor allem aus Challapampa. Für zukünftige Teams empfehlen wir daher, die ersten Tage gezielt für Aufklärungs- und Werbemaßnahmen zu nutzen. Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten wäre wahrscheinlich eine Gruppengröße von maximal drei behandelnden Personen optimal gewesen.
Welche Behandlungen wurden durchgeführt?
Wir haben hauptsächlich Kunststofffüllungen gelegt und Zähne extrahiert. Leider waren endodontische Behandlungen nicht möglich, weshalb einige Patienten gelegentlich zu den nächstgelegenen Zahnärzten überwiesen werden mussten. Hier wäre es gegebenfalls eine Überlegung wert, ein Längenmessgerät zu besorgen, um wenigstens in erster Instanz endodontische Schmerzen zu lindern. Bei Kindern wurden aktive kariöse Läsionen, solange der Vorrat reichte, mit SDF behandelt und teilweise GIZ- oder Kompositfüllungen gelegt. Auch die Zahnsteinentfernung wurde sehr oft von den Patienten gewünscht, auch wenn oftmals eher Extraktionen oder andere Behandlungen notwendig gewesen wären. Daher haben wir häufig kleinere Verhandlungen mit den Patienten geführt, z. B. dass eine Frontzahnfüllung gemacht wird, wenn dafür zwei Wurzelreste entfernt werden können.
Welche Probleme in der zahnmedizinischen Versorgung wurden ersichtlich?
Insbesondere auf der Sonneninsel saßen viele Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Zahnarztstuhl. Auch ist der korrekte Gebrauch von Zahnbürsten der überwiegenden Mehrheit nicht bekannt gewesen. Daher haben bereits Kinder oft große kariöse Läsionen bis hin zu Wurzelresten, teilweise auch mit Fistelbildung. Generell scheinen Zahnschmerzen entweder akzeptiert zu werden bzw. „zum Leben dazuzugehören“, oder der Leidensdruck ist deutlich größer als in Deutschland.
Inwieweit wurde präventiv vorgegangen?
Auf der Sonneninsel besuchte Annette zwei Tage lang die Schule in Challa für theoretische und praktische Anweisungen für die Schulklassen. Diesen Teil könnte man insbesondere bei größeren Einsatzgruppen zukünftig noch intensivieren. Wir konnten unseren Pa=enten nach der Behandlung häufig Zahnbürsten und Zahnpasta mitgeben. Wenn Zeit für die Spendensuche und etwas Platz im Koffer vorhanden sind, macht es unserer Ansicht nach Sinn, diese Dinge auch aus Deutschland mitzubringen, da vor allem an den Schulen viele benötigt werden.
Wie haben wir unsere freie Zeit genutzt?
An den Wochenenden und nach der Arbeitsphase konnten wir unsere Zeit flexibel gestalten und nutzten diese, um verschiedene Regionen Boliviens zu erkunden. Unser erstes freies Wochenende verbrachten wir von Santa Cruz aus in Samaipata. Dort übernachteten wir in einem sehr schönen Hostel und unternahmen unter anderem eine Wanderung in einen der weltweit seltenen vorkommenden Farnwälder, was ein sehr beeindruckendes Naturerlebnis war. Tourguides sind sehr einfach spontan vor Ort zu organisieren. Nach Abschluss unseres Einsatzes in Santa Cruz flogen wir weiter nach Sucre, wo wir zur Akklimatisation drei Tage auf etwa 2800 Höhenmetern verbrachten. Die Stadt überzeugte uns mit ihrer besonderen Atmosphäre, ihrer kolonialen spanischen Architektur und den vielfältigen Möglichkeiten. Besonders der Markt mit seinen frischen Früchten blieb uns in Erinnerung. Auch kleinere Wanderungen, beispielsweise auf den Hausberg, sind dort gut möglich.
Anschließend reisten wir weiter nach La Paz auf rund 4000 Meter Höhe. Dort nahmen wir uns zunächst Zeit, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Eine geführte Tour durch das Hostelling-Unternehmen ermöglichte uns spannende Einblicke in das Leben vor Ort. Besonders beeindruckend waren die weitläufig bebauten Hänge und das Seilbahnsystem, das einen einzigartigen Blick über die Stadt bietet.
Von La Paz aus ging es mit dem Bus über Copacabana auf die Sonneninsel im Titicacasee, wo sich unser zweiter Einsatzort befand. An einem freien Wochenende wanderten wir auf einem Inka-Trail über die gesamte Insel und verbrachten eine Nacht in Yumani. Auch wenn wir keinen Sonnenuntergang erleben konnten, war die Wanderung landschaftlich und kulturell ein besonderes Highlight.
Nach unserem Einsatz kehrten wir erneut nach La Paz zurück und nutzten die Zeit zur Erholung und weiteren Erkundung der Stadt. Unter anderem besichtigten wir die bekannte Hexengasse sowie die Innenstadt. Zudem bestiegen wir einen der umliegenden Berge und erreichten dabei eine Höhe von etwa 5400 Metern. Im Anschluss reisten wir mit dem Nachtbus nach Uyuni und nahmen an der klassischen dreitägigen Tour durch den Salar de Uyuni teil. Die Tour ist sehr empfehlenswert und bietet eindrucksvolle Landschaften sowie eine außergewöhnliche Natur, da uns diese neben dem Salar auch höher in die Anden und den Boliviens Süden geführt hat. Ein weiteres besonderes Erlebnis war der Karneval in La Paz, bei dem es Tradition ist, sich gegenseitig mit Schaum zu besprühen und mit Wasserbomben abzuwerfen.
Zum Abschluss unserer Reise trennte sich unsere Gruppe: Janine reiste weiter nach Peru, während wir über Santa Cruz die Rückreise nach Deutschland antraten. Insgesamt bot uns die Freizeit die Möglichkeit, die landschaftliche Vielfalt und kulturellen Besonderheiten Boliviens intensiv kennenzulernen und viele unvergessliche Eindrücke zu sammeln.
Unser Einsatz-Fazit
Die langjährigen Projekte von Dentists & Friends in Santa Cruz und Challa zeichnen sich durch ihre Regelmäßigkeit aus. Mehrmals pro Jahr sind Gruppen vor Ort, sodass nachhaltige Therapien möglich werden. Allerdings müssten die Patienten dafür auch regelmäßig und nicht erst bei starken Beschwerden erscheinen. Die Organisation an sich funktioniert gut und unkompliziert. Wenn vor Ort Materialien fehlenoder kaputtgehen, können diese in der Regel zügig nachgekauft oder ersetzt werden. Auch hatten wir durch die Begleitung von Annette stets eine erreichbare Ansprechpartnerin. Wenn man sich die Mühe macht, eigenständig Unterkünfte in Santa Cruz zu buchen, könnten die wöchentlichen Kosten sicherlich etwas gesenkt werden. Zudem müssen sich die Gruppen in der Planung bewusst sein, dass nur ein Behandlungsstuhl zur Verfügung steht und der Platz vor allem in Santa Cruz sehr begrenzt ist. Auf den Ausflügen an den Wochenenden und nach der Arbeit konnten wir die wunderschöne Natur Boliviens entdecken.
Insgesamt bot uns die Famulatur die Möglichkeit, Bolivien und seine Bevölkerung auf eine Weise kennenzulernen, die über das hinausgeht, was ein gewöhnlicher Urlaub ermöglichen könnte. Durch unsere Arbeit konnten wir rund 250 Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen behandeln und zur Linderung ihrer Schmerzen beitragen. Der zahnmedizinische Einsatz bot eine wunderbare Gelegenheit, den Menschen vor Ort etwas zurückzugeben – umso mehr steht fest, dass diese Reise ganz sicher nicht die letzte gewesen sein wird.